12.12.2018

"Jeder Versicherte hat Anspruch auf Übernahme der Kosten notwendiger Behandlungen"

Im Interview: Björn Hansen, Vorstand der BKK W&F

Hintergrundinformationen zum Zusatzbeitrag 2019.

Ab dem 1.1.2019 erhebt die BKK W&F einen Zusatzbeitrag in Höhe von 1,39 Prozent - vorbehaltlich der Genehmigung durch das Bundesversicherungsamt. Gleichzeitig tritt das Versicherten-Entlastungsgesetz (VEG) in Kraft. Was es damit auf sich hat und warum der Zusatzbeitrag künftig nur noch halb so wichtig für die Wahl einer Krankenkasse ist, erläutert Vorstand Björn Hansen.

 

Herr Hansen, warum wird der Zusatzbeitrag der BKK W&F zum Jahreswechsel angepasst?

Björn Hansen: Im Rahmen der vor Kurzem abgeschlossenen Haushaltsplanung für das kommende Jahr haben wir feststellen müssen, dass die voraussichtlichen Ausgaben nicht durch die Einnahmen aus einem konstanten Zusatzbeitrag gedeckt wären.

Steigende Kosten im Gesundheitswesen sind nichts Neues. Warum greift die BKK W&F nicht auf Rücklagen und Vermögen zurück?

Hansen:  Weil wir den nun auch vom Gesetzgeber forcierten Vermögensabbau bereits vor einigen Jahren bewusst durchgeführt haben. Denn Krankenkassen sind in der Tat keine Sparkassen. Schon in den Jahren 2011 bis 2014 haben wir daher vier Jahre in Folge Prämienzahlungen an unsere Mitglieder ausgeschüttet. Dass mit der anschließenden Einführung des prozentualen Zusatzbeitrages die sich seit 2013 abzeichnenden Verzerrungen im morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleich (Morbi-RSA, die Red.) bis heute immer massiver auf die Vermögensentwicklung auswirken, war damals nicht abzusehen.

Was meinen Sie mit Verzerrungen im Risikoausgleich?

Hansen: Jedes Jahr werden über den Mechanismus des Morbi-RSA mehr als 205 Milliarden Euro zur Deckung der Kosten an die Gesetzlichen Krankenkassen verteilt. Während die Deckungsbeiträge aller Kassenarten im Jahr 2012 noch ähnlich und nahe an einer Deckung der tatsächlichen Kostendeckung waren, ist diese Schere in den Folgejahren durch Fehlanreize und Manipulationsanfälligkeit weit auseinander gegangen. Während die Allgemeinen Ortskrankenkassen einen Deckungsbeitrag von 1,714 Milliarden Euro im vergangenen Jahr erzielt haben, fehlen dem BKK-System 250 Millionen Euro. Am härtesten trifft es hier die Ersatzkassen mit einem Minus von mehr als 1,1 Milliarden Euro. Hier scheint aber noch genügend Vermögen vorhanden zu sein, um ein weiteres Jahr durchzuhalten.

Diese Entwicklung ist einer der wesentlichen Gründe für die Anpassung unseres Zusatzbeitrages - der als Krönung der Verzerrung im Übrigen auch nur zu einem Teil für uns bestimmt ist. Auch bei diesem scheinbar kassenindividuellen Beitrag gibt es einen nennenswerten Abfluss an andere Krankenkassen. Denn wir erhalten nur die Einnahmen auf Basis des durchschnittlichen Einkommen aller Gesetzlich Versicherten, auch wenn unsere Mitglieder im Durchschnitt ein höheres Einkommen haben und daraus auch Beiträge zahlen. Der Name ist hier also alles andere als Programm.

Welche weiteren Gründe gibt es?

Hansen: Eigentlich gar nicht viele. Denn auch das zu Ende gehende Jahr 2018 werden wir trotz dieser widrigen Bedingungen nahezu ausgeglichen abschließen. Und das inklusive eines neu hinzu gekommenen Hochkostenfalls, wobei ich diese Bezeichnung nicht wirklich mag. Denn jeder Versicherte hat natürlich einen Anspruch darauf, dass die Kosten einer medizinisch notwendigen Behandlung auch von seiner Krankenkasse getragen werden. Auch wenn selbst diese trivial klingende Feststellung nicht immer ganz einfach ist, da wir uns an unzählige rechtliche Vorgaben halten müssen. Was mich daran aber ärgert, ist der lange Nachlauf einer möglichen Berücksichtigung im Morbi-RSA durch die in diesem Fall sehr spezielle Versorgung. Für das Jahr 2019 haben wir daher im Sinne des Vorsichtsgebotes zunächst ohne Zuschläge zu kalkulieren. Hinzu kommen politisch gewollte Einmaleffekte durch die nun endlich konkret geplante Onlineanbindung der Ärzte und Krankenhäuser an die Telematik-Infrastruktur der Gesundheitskarte und die Finanzierung von 13.000 zusätzlichen Pflegekräften durch die Gesetzliche Krankenversicherung.

Gab es Alternativen?

Hansen: Wir haben natürlich auch geprüft, inwieweit eine erneute Reduzierung von Vermögen und Rücklagen in Frage kommen könnte. Gerade bei mittelständischen Betriebskrankenkassen sind aber über die gesetzlich vorgeschriebene Mindesthöhe hinaus gehende Mittel sinnvoll und notwendig. Das zeigt auch die aktuelle Entwicklung.

War auch die Streichung von Mehrleistungen ein Thema?

Hansen: Rechnen muss man zunächst alles. Eine wettbewerblich vertretbare Streichung freiwilliger Leistungen hätte aber keine beitragssatzrelevanten Einsparungen mit sich gebracht. Und eine komplette Aushöhlung macht keinen Sinn, wenn man langfristig am Markt bestehen will.

Wann werden die Mitglieder der BKK W&F offiziell informiert?

Hansen: Wir sind gesetzlich verpflichtet, mit der Benachrichtigung unserer Mitglieder zu warten, bis die Genehmigung der Aufsichtsbehörde vorliegt. Auch wenn wir zwischenzeitlich alle notwendigen Vorarbeiten abgeschlossen haben, heißt es daher nun, diese Entscheidung des Bundesversicherungsamtes abzuwarten. Aber wir geben unser Bestes, denn auch das gehört zum transparenten Stil unseres Hauses. Nicht umsonst haben wir bereits unmittelbar nach Abschluss der Planung damit begonnen, unsere Medien und Auskünfte gegenüber Versicherten, Interessenten und Medien entsprechend zu aktualisieren.

Wie schätzen Sie die wettbewerbliche Position im Jahr 2019 ein?

Hansen: Ich bin kein Wahrsager, aber selbstverständlich rechnen wir einen Abgang preissensibler Mitglieder ein. Auf der anderen Seite muss man aber auch klar sagen: das Mehrleistungsportfolio der BKK W&F ist herausragend. Wir setzen seit Jahren auf eine langfristige Kundenbindung durch vielfältige Leistungen und persönlichen Service ohne Focus auf eine besondere Zielgruppe. Denn Vorlieben und Alter unterliegen nun mal einem stetigen Wandel. Im Ergebnis sind wir auch nach 2014 kontinuierlich auf heute mehr als 27.000 Versicherte gewachsen. Und das mit einem Zusatzbeitrag, der auch im vergangenen Jahr über dem amtlichen Durchschnitt lag. Irgendetwas müssen wir also richtig machen. Außerdem sinkt die Bedeutung des Zusatzbeitrages meiner Ansicht nach zum Jahreswechsel erheblich durch das Versicherten-Entlastungsgesetz, so dass sich der potentielle Einspareffekt für Versicherte zum Jahreswechsel gar nicht ändert.

Welche Entlastung bringt das Versicherten-Entlastungsgesetz den Mitgliedern der BKK W&F konkret?

Hansen: Ab diesem Zeitpunkt wird der bislang vom Versicherten alleine getragene Zusatzbeitrag zu 50 Prozent vom Arbeitgeber oder der Rentenversicherung bezuschusst. Durch diese Beteiligung reduziert sich der Versichertenanteil am Zusatzbeitrag zum Jahreswechsel 2018/2019 trotz Anpassung um 0,405 Prozent auf 0,695 Prozent.  Da 0,1 Prozent mehr oder weniger zumindest hier künftig nur noch für einen Unterschiedsbetrag von maximal 2,27 Euro stehen, ist der Zusatzbeitrag nur noch halb so wichtig wie bisher - wenn Versicherten dafür eben auch entsprechende Mehrleistungen zur Verfügung stehen. Dies ist bei uns mit einem sehr einfachen Bonusprogramm und vielfältigen Erstattungsmöglichkeiten aus meiner Sicht mehr denn je der Fall. Auch für viele Selbständige gibt es durch eine mehr als 50-prozentige Absenkung des Mindestbeitrags positive Nachrichten. Da Studenten kaum und Bezieher von Arbeitslosengeld I und II sogar überhaupt nicht davon betroffen sind, sehe ich auch der mittelfristigen Mitgliederentwicklung positiv entgegen. Und spätestens in einem Jahr sieht die Welt anders aus. Denn mittlerweile hat auch der Gesetzgeber gemerkt, dass der Morbi-RSA dringend reformiert werden muss. 

Vielen Dank für das Gespräch.